Die Hauptzielart des Life Projektes Benninger Ried ist die Ried- oder Purpur Grasnelke
(Armeria purpurea) die hier Ihren weltweit letzten Fundort hat.
Nachdem mittlerweile als gesichert gelten darf, dass die Armeria-Bestände in Nord-Italien eine eigene Art bilden (Armeria helodes, MARTINI & POLDINI 1987), sind für die Purpur-Grasnelke weltweit lediglich Vorkommen am Bodensee - hier an mehreren Stellen am Untersee - und im Benninger Ried belegt. Nach einer Bestandserhebung von KNAPP (1998) ist dabei im Benninger Ried von einem Gesamtbestand der Purpur-Grasnelke von ca. 21.500 Individuen auszugehen.
Die Fundorte am Untersee, wo sie als Charakterart der Strandschmielen-Gesellschaft (Deschampsietum rhenanae) auf offenen sandigen, kalkreichen Kies- und Schotterbänken vorkam, sind allerdings seit 1975 nicht mehr bestätigt und gelten damit als erloschen (QUINGER 1990). Im Benninger Ried findet sich die Art vor allem an lückigen Bereichen und an Quelltrichtern der Orchideen-Kopfbinsenried-Gesellschaft (Orchio-Schoenetum nigricantis), seltener auch der Schneidried-Gesellschaft (Cladietum marisci) und kleinflächiger Kalk-Quellflur-Gesellschaften (Cratoneurion commutati).
Diese auf den ersten Blick so verschiedenen Standorttypen weisen einige Gemeinsamkeiten auf, die für das Vorkommen der Purpur-Grasnelke entscheidend sein dürften. Die Strandschmielen-Gesellschaft findet sich ausschließlich im Überschwemmungsbereich des Bodensees. Starke Schwankungen des Wasserspiegels mit Höchstständen im Sommerhalbjahr sind Faktoren, die für die Existenz dieser Gesellschaft unabdingbar sind. Sie treten nur am Bodensee auf, da dieser als einziger großer See des Alpenvorlandes nicht staugeregelt ist. Solche Schwankungen des Wasserspiegels finden (bzw. fanden) sich auch im Benninger Ried, hier bedingt durch die in Abhängigkeit vom Grundwasseranstrom stark wechselnde Quellschüttung. Dadurch werden offene Bereiche erhalten bzw. neu geschaffen, die eine wesentliche Voraussetzung für die Existenz der konkurrenzschwachen Purpur-Grasnelke darstellen (s.u.). Beide Standorttypen zeichnen sich zudem ursprünglich durch nährstoffarmes, karbonatreiches kiesig-sandiges Substrat aus.
Bei den Bodenseestandorten sind die Ursachen für das Verschwinden der Art v.a. in der Eutrophierung und direkten menschlichen Eingriffen (Verbauung, Trittschäden, Anlanden von Treibgut) zu suchen (DIENST & WEBER 1993, STRANG & DIENST 1995, KNAPP 1999, Beitrag in diesem Heft). Im Benninger Ried wirkt sich dagegen insbesondere die Nivellierung der Quellschüttung negativ auf die Kopf- und Schneidriedbestände und damit auf die Purpur-Grasnelke aus.
Um Ansatzmöglichkeiten für wirksame Hilfsmaßnahmen bieten zu können, wurden von WEISS eingehende Untersuchungen zur Populationsbiologie und Einnischung von Armeria purpurea durchgeführt. Armeria purpurea weist eine Pollen- und Narbendimorphie auf: Individuen mit relativ glattem, strukturarmen Griffel bilden Pollen mit strukturreicher, gefurchter Oberfläche, während es sich bei der zweiten vorkommenden Form genau umgekehrt verhält. Da beide Linien selbststeril sind, kann eine Befruchtung deshalb nur beim Zusammentreffen von Pollen und Narben des jeweils anderen Typs erfolgen. Der Samenansatz ist demzufolge sehr gering und liegt bei maximal 18,5 % (WEISS 1999). Eine wichtige Funktion kommt deshalb v.a. den blütenbesuchenden Insekten zu, die allerdings ihre Bestäubertätigkeit momentan nur unzureichend erfüllen (s.u.). WEISS (1999) konnte auch belegen, dass offene Moosflächen bei der generativen Vermehrung der Riednelke eine entscheidende Rolle spielen. Die Art weist hier eine erheblich höhere Verjüngungsrate (mehr Keimlinge) und einen erheblich höheren Deckungsgrad auf, als dies in den Kopfried-Beständen der Fall ist. In letzteren finden sich überwiegend überalterte Exemplare geringer Vitalität. Entscheidend dürfte sich hierbei die Höhe des anstehenden Grundwassers auswirken: während es an den Moospolstern die Oberfläche erreicht (- 8 cm), ist der Flurabstand bei den Schoenus-Beständen mit durchschnittlich - 25 cm deutlich höher. Hinzu kommt, dass der Konkurrenzdruck auf den offenen Moospolstern für die Riednelke gering und - durch die Moose - eine erhöhte Kalkausfällung gegeben ist.